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Erfahrungsbericht von Leon Glöckner, Freiwilliger bei CARE Deutschland

Goodbye everybody, I've got to go

Langsam, aber sicher geht es auf das Ende zu. Noch ein paar Wochen, dann ist es vorbei – mein Jahr bei CARE. Mein Bundesfreiwilligendienst. Es kommt mir vor als wäre ich erst seit zwei Wochen hier und gleichzeitig als wäre es schon eine Ewigkeit.
Richtig realisiert habe ich noch nicht, dass es bald vorbei ist, aber eine Sache erinnert mich immer wieder daran – die letzten Male. Das letzte ijgd-Seminar, die letzte Betriebsversammlung, der letzte Urlaub… Es werden immer mehr letzte Male.
Mit gemischten Gefühlen gehe ich immer weiter aufs Ende zu. Zum einen freue ich mich auf meinen neuen Lebensabschnitt, ich werde Politikwissenschaften studieren, neue Leute kennenlernen, (erneut) einen völlig anderen Alltag haben.
Andererseits setzt dieser Wandel voraus, dass ich CARE verlasse. Die netten Kolleg*innen, das spannende Umfeld, fordernde und interessante Aufgaben, die Vertiefung in unsere Arbeit und eine Tätigkeit, mit der ich mich absolut identifizieren kann – es ist kein Zufall, dass ich von „UNSERER Arbeit“ spreche.

Was nehme ich aus dem Jahr mit? Vor allem drei Dinge: Eine Fülle an Wissen und neu gewecktem oder verstärktem Interesse. Krisenkontexte, humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit, der globalen Süden, Hilfsorganisationen, aber auch Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation.
Wie wird aus einer Projektidee lebensrettende Hilfe vor Ort? Welche Folgen hat die Klimakrise für den Niger? Wer kämpft eigentlich warum gegen wen in Syrien, wer unterstützt wen und wie passen da noch Hilfsorganisationen rein? Nur ein Bruchteil von dem, was ich im letzten Jahr gelernt habe.
Die Gewissheit, dass ich niemals ein Studium oder einen Beruf ergreifen könnte, mit dem ich mich nicht identifizieren kann. Humanitäre Hilfe, Menschenrechte, Klimaschutz, Kapitalismuskritik, Politik – in diesen Bereichen sehe ich mich einmal. Identifikation mit dem was ich tue ist mir am Wichtigsten. Ja, ich bin idealistisch - und sogar noch stolz drauf.
Und schließlich eine Unmenge an Erfahrungen, Begegnungen, neuen Bekanntschaften, netten Menschen, die mir immer mit Rat und Tat zur Seite standen, und die Erinnerungen an ein tolles Arbeitsumfeld.

Hat sich das Jahr gelohnt? Mehr als das! In keinem Jahr meines bisherigen Lebens habe ich so viel gelernt und mitgenommen. Kein Jahr meines Lebens hat mir so beim Finden meines Wegs geholfen. Selten hatte ich das Gefühl etwas so Sinnvolles zu tun.
Wenn ich meine Arbeitsergebnisse, meine Texte, meine Social Media Posts, mein Wissen am Anfang und am Ende des Jahres vergleiche, sehe ich eine Entwicklung, wie ich sie vielleicht noch nie in so kurzer Zeit durchgemacht habe.

Ich wünsche meinem Nachfolger und allen andern Bufdis und FSJler*innen, dass es ihnen am Ende ihres Jahres genauso geht.
Für mich geht ein ganz besonderes Jahr zu Ende. Noch besonderer wurde es durch die Corona Pandemie – wochenlang im Homeoffice arbeiten, eine völlig ungewohnte Situation. Getrübt hat das meine Erfahrung nicht, im Gegenteil: Diese Situation ist ein wichtiger Teil meiner Erfahrung und hat mich vielleicht sogar noch mehr mitnehmen lassen. Und seien wir doch ehrlich - es gibt Schlimmeres als in bequemen Klamotten am heimischen Schreibtisch zu arbeiten…
Das Wichtigste ist aber: Richtig besonders wurde das Jahr nicht durch COVID-19, sondern durch… naja, siehe oben.

Meinen Kolleg*innen und den anderen FSJler*innen und Bufdis wünsche ich nur das Beste. Ich hoffe, dass sie mich in guter Erinnerung behalten, und nicht nur wegen meiner teils furchtbaren Kommasetzung.

Ich hoffe und glaube, dass wir uns wiedersehen - und wer weiß, vielleicht ja sogar bei CARE. So schnell werdet ihr mich nicht wieder los.


Leon Glöckner, Juli 2020